Einmal Selbermachen bitte – Tobias Wiesinger

TobiasWiesingerDas lebendige Treiben des offenen Mittagstisches verebbt langsam, die meisten Menschen verschwinden wieder aus dem von der Gundeldingerstrasse unscheinbaren Innenhof des ehemaligen Werkhofs im Gundeli in Basel. Den Namen Werkhof hat er behalten, doch weht hier nun ein frischer Wind. Ein junger Mann mit Brille und Jutenstoff-Beret sitzt noch gemütlich am Tisch – da ein Lächeln, dort ein Zuruf.

Tobias Wiesinger wirkt hier zu Hause, der 27-jährige absolviert zur Zeit seinen Bachelor am HyperWerk, Institut für Postindustrielles Design an der Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW. Zum „Prozessgestalter“ wird man dort ausgebildet – oder bildet man sich selbst aus, begleitet von einem erfahrenen Coach. „Das übergreifende Thema in meinem letzten Studienjahr ist die Produktentfremdung und die Frage nach dem Wert der Produkte, die wir konsumieren.“

Er bleibt dabei nicht in der Theorie, sondern er handelt ganz konkret. Zwei Projekte hat er zur Zeit am Laufen, die REP-STATT in der Markthalle und die macherSchaft hier auf dem Werkhof. Ersteres fungiert als Knotenpunkt von regionalen Reparaturangeboten und gleichzeitig als Anlaufstelle für Reparaturfreudige, die mit ihrem Anliegen weitergeleitet werden. Kleinere Reparaturen führen sie für einen Unkostenbeitrag von einem Franken pro Minute auch gleich vor Ort aus. Die macherSchaft lässt die Menschen machen, sie bietet Werkstätten und fachkundige Unterstützer an, Menschen sollen animiert werden, selbst Hand anzulegen und zu bauen oder zu flicken (jeden Freitag ab 14:00 Uhr, Gundeldingerstrasse 286).

Die Gedanken hinter beiden Projekten vereinen sich in Tobias’ Vision,
den Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen,TobiasWiesinger2 um sich unabhängiger zu machen von Wirtschaft, Politik und kommenden Krisen. „Es ist nicht bloss schön wieder mehr selber zu machen, es ist eine Notwendigkeit für unsere Gesellschaft.“ Es ist ihm ernst. Auf unsere Frage seiner Prognose für die Zukunft antwortet er mit seiner sanften aber bestimmten Stimme: „Dramatisch, wenn wir so weitermachen! Wir rennen auf einen Abgrund zu.“ Das unendliche Wachstum, das wir momentan anstreben, sei in einer Welt mit endlichen Ressourcen schlicht nicht möglich, da muss es zu einem Zusammenbruch kommen, wenn wir nicht vorher unser Verhalten grundlegend ändern.

Er sieht diese Prophezeiung aber nicht als Hindernis, sondern als Antrieb. Es sei die perfekte Gelegenheit, solche Projekte zu starten, die die Resilienz und Selbstständigkeit der Bürger stärken.
Solche, die uns andere Lebensinhalte als den Konsum lehren und uns
unsere Handlungsfähigkeit zurückgeben.

„Für mich war die Erfahrung, ein Produkt von Anfang bis zum Schluss herzustellen, prägend für mein Leben.” Er hatte beispielsweise in seiner Jugend die Möglichkeit, ein Liegefahrrad selbst zu bauen und vor kurzem hat er ein Bambusfahrrad eigens hergestellt. “Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, auch für andere Menschen diese Möglichkeit zu schaffen.“ Denn wenn jede Person bloss schon einmal den Entstehungsprozess eines Produktes durchgehend begleitet habe, würde das unbewusste Konsumieren erschwert und die Wahrnehmung und Wertschätzung sich auf andere Produkte übertragen, davon ist Tobias überzeugt.

Folglich wäre es die Aufgabe der Schule diese Mindestanforderung – einmal ein Produkt von A bis Z zu begleiten bzw. herzustellen – zu erfüllen. So die Devise aus unserem Gespräch. Für die Produkt-Prozessbegleitung müssen sich Lehrer und Schüler viel Hintergrundwissen aneignen und dranbleiben, dies braucht viel Zeit. „In der Schule hat man ja eigentlich diese Muße“, meint er und lächelt. Damit hat er – etymologisch gesehen – absolut recht, denn der Begriff Schule kommt vom griechischen scholé – die Muße – die freie, bewusste Tätigkeit.

Was wir im Sinne der Bildung mitnehmen aus dem Gespräch, ist die Botschaft, dass wir notwendigerweise wieder lernen und üben müssen, mehr selbst zu tun. Handwerkliches Geschick und praktisches Wissen sollte mehr Gewichtung zugeschrieben bekommen und wir sollten in der Schule die Muße haben, uns über längere Zeit mit einem Thema zu beschäftigen und Tiefenbohrungen vorzunehmen. Das Selbermachen soll uns dabei nicht nur unabhängiger vom Wirtschaftssystem machen, sondern auch zur sinnstiftende Instanz werden.

Fotos: Josephine Weber und Ivo Ludwig

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